Translate

Posts mit dem Label Zuhause werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zuhause werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 1. November 2016

Kapitel 5 - Sechster Brief - Kommentar "Hoffnung"

Meine Lieben,

Nun sind wir im November angekommen.
Ich wünsche Euch allen einen schönen Feiertag.
Dem entsprechend nun der sechsten Brief von Agnes an ihren Alfons. 
Agnes hat diesen ersten Brief im November auf einem damals üblichen "Feldpost"-Bogen geschrieben. Sehr wahrscheinlich hoffte sie so, eine Antwort von ihrem Geliebten zu erhalten. Näheres erfahrt Ihr dann unten.
Ich werde Euch zunächst den Brief wieder abschreiben. Danach werde ich einen Kommentar dazu schreiben. Keine Angst - ich werde nichts zur Rechtschreibung schreiben.





Verl, den 1.11.44

Mein lieber Alfons!

Nun habe ich schon fast drei Wochen keine Nachricht von Dir. Habe immer geschrieben und bisher noch keine Antwort erhalten. Wie geht es Dir? Ich hoffe doch, gut. Von mir und meinen Lieben, kann ich Dir auch alles Gute mitteilen. Heute am Allerheiligennachmittag ist es so schön ruhig und still. Aus dieser Stille heraus will ich Dir recht liebe Grüße ins Feld senden. Du wirst wohl nichts von dem schönen Feiertag gemerkt haben. Allerdings ging ja auch hier das alltägliche Leben weiter, doch die Mehrzahl der Bevölkerung hielt ihren Feiertag in Ehren. Heute morgen war es in der Kirche so feierlich. Weil aber nur Werktagsgottesdienst stattfinden durfte, ist heute abend um 8 Uhr noch eine hl. Messe und zwar für alle Soldaten. Ich freue mich schon darauf, denn ich weiß, daß auch ich für einen lieben Menschen, den das Schicksal so weit von mir getrennt hat, beten darf.
Meine Briefe, oder besser gesagt, wenigstens einen derselben wirst Du wohl inzwischen bekommen haben. In der Hoffnung, nun bald wieder etwas von Dir zu hören, will ich schließen, denn ich möchte noch mit meiner Mutter zum Friedhof. Es grüßt Dich recht herzl.
Deine Agnes.

**********************************************

Kommentar


Zunächst etwas Hintergrund zur Feldpostnummer: 
Die deutsche Feldpostnummer war eine Art Postleitzahl für Sendungen der Feldpost bzw. Luftfeldpost. Jeder militärischen Einheit war eine bestimmte Feldpostnummer zugeordnet.

Die Feldpostnummer 11471 auf Agnes' Brief sagte Folgendes aus: (soweit ich es recherchieren konnte)
  • Vom 24.03. bis 06.11. (ernannt 22.04.1944) war es die 14. Kompanie Grenadier-(Feldausbildung)Regiment Nordukraine und war dann vom 07.11. bis Kriegsende (ernannt 08.02.1945) die 14. Kompanie Grenadier-(Feldausbildung)Regiment 562. (Quelle)
    Bild Wikipedia - Deutsche Gebirgsjäger
  • "Heeresgruppe Ukraine" - Im August 1944 umfasste sie die 4. Panzerarmee, die 17. Armee und die Armeegruppe Heinrici und verteidigte in Galizien zwischen Karpaten und Pripjet-Sümpfen. Am 23. September wurde sie dann in Heeresgruppe A umbenannt.
  • Die "Heeresgruppe A" verteidigte Südpolen und die Slowakei mit der 9. Armee (von Heeresgruppe Mitte) und der 4. Panzerarmee hinter der Weichsel, der (neuaufgestellten) 17. Armee zwischen Weichsel und Beskiden und der 1. Panzerarmee in der Slowakei. 
  • Die Heeresgruppe A wurde Anfang Januar 1945 durch die sowjetische Offensive aus dem Baranow-Brückenkopf (Link zur "Weichsel-Oder-Operation") heraus zerschlagen. Am 25. Januar 1945 erfolgte die letzte Umbenennung, diesmal in Heeresgruppe Mitte. (Quelle)


Soldbuch Alfons - "Location Vranow/Slowakei"
Dokumente aus Alfons' Gefangenschaft beweisen, dass er der Heeresgruppe A bzw. Mitte angehörte. Zu dem Zeitpunkt, wo Agnes die erste Feldpostnummer auf einem Brief benutzte, befand sich Alfons bereits in der Slowakei.





Die Ungewissheit macht einen beinahe wahnsinnig. Ein Gefühl, welches mit jedem Tag schlimmer wird. Nichts zu wissen und Nichts von einem geliebten Menschen zu hören, ist eine große emotionale Belastung - in unserem Fall, sicher nicht nur für Agnes alleine.
In ihren Zeilen verbarg sie diese Sorgen und Ängste, indem sie schrieb, was um sie herum passierte. Sie bezog ihn in ihre Gebete ein und hoffte. Ja, dieser Brief ist voller Hoffnung. 🍀
Agnes wusste wahrscheinlich, dass Hitler mit dem Volkssturm seine "letzten Reserven" an die Ostfront geschickt hatte und Alfons sich genau dort befand. Dass Agnes seit Wochen nichts mehr von ihrem Liebsten gehört bzw. gelesen hatte, war deshalb sehr verständlich. Trotzdem blieb sie, Alfons gegenüber, positiv gestimmt. "...das alltägliche Leben geht weiter..." 
Und das macht den Brief, für mich, so besonders. Er berührt, weil er natürlich (authentisch) ist. Man fühlt mit Agnes und ist genauso traurig und verzweifelt wie sie. 
"Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion." (Voltaire)
 Ich hätte Agnes nach diesem Brief gerne gesagt: 
"Hoffe weiter - es wird alles gut!"

Sonntag, 9. Oktober 2016

Kapitel 3 - Zweiter und Dritter Brief - Kriegsgeschehnisse

Meine Lieben,

Bevor ich zum zweiten Brief von Agnes komme, werde ich Euch einige Kriegsgeschehnisse mitteilen. Danach schreibe ich Euch den Brief wie in Kapitel 2 ab.  Für den dritten Brief werde ich genauso verfahren.
Am Ende habe ich noch ein kleines musikalisches Fundstück für Euch.

**********************************************

Kriegsgeschehen 16. Oktober 1944

Salzburger Dom nach Luftangriff
Bild-Quelle
  • Sowjetische Truppen drangen bei Goldap auf ostpreußisches Gebiet vor. Dies hatte zur Folge, dass immer mehr Deutsche sich entschlossen aus Ostpreußen zu fliehen.
  • Bei einem alliierten Bombenangriff auf Salzburg wurde die Kuppel des Doms zerstört. Das Bauwerk war von 1614 bis 1628 nach Plänen des italienischen Baumeisters Santino Solari errichtet worden.
  • Mit Beginn der 68. Zuteilungsperiode trat im Deutschen Reich eine Senkung der Brotration in Kraft. Die Kürzung betrug 200g pro Normalverbraucher, sodass sich die Wochenration danach auf 2225g Brot belief. (Quelle)
  • Die Komponisten Viktor Ullmann (Österreicher), Gideon Klein (Tscheche), Pavel Haas (Tscheche), und Hans Krása (Tschechoslowake) befanden sich unten den 1500 Deportierten eines Transports vom Ghetto Theresienstadt in das KZ Auschwitz.

**********************************************

    Zweiter Brief



    Verl, den 16.10.44

    Mein lieber Alfons!

    Zunächst die besten Grüße aus der lieben Heimat. Erhielt heute einen lieben Brief von Dir. Selbiger war mit dem 1.10. datiert. Also acht Tage länger unterwegs als der andere, den ich schon gestern erhalten habe. Ich habe mich sehr gefreut und danke Dir recht herzlich. Bei der Post muß doch wohl ein großes Durcheinander sein, daß die Post nicht regelmäßig überkommt. Wie Du schreibst, habt Ihr am Sonntag den ersten Ausgang gehabt. Und Du hast gestreikt? Hast es also vorgezogen, mir einen lieben Brief zu schreiben. Das ist ja fein von Dir. Werde Dir das auch hoch anrechnen. Ich kann mir natürlich vorstellen, wie toll die Frauen sind, wenn

    sie die Soldaten sehen. Man kann dasselbe jetzt ja auch hier beobachten. In diesem Monat ist ja auch Rosenkranzandacht. In der vergangenen Woche war sie des abends um 8 Uhr. Nun ist sie ab Sonntag des nachmittags um 5 Uhr, weil viele von den Mädchen des abends von den Panzern nach Hause begleitet wurden. Besonders Firma Hügelmeyer mach sich in der Beziehung einen guten Namen. Papa ist jeden Abend mit zur Andacht gegangen, nur, damit sein Töchterchen nicht unter die Räder gerät. Er ist auch sogar, was er sonst nicht tut, mit zum Film gewesen. Doch als die Wochenschau vorbei war, fing er an zu schlafen. Nachher sagte er, demnächst müßte ich allein gehn, er ginge nicht wieder zu so einem Blödsinn hin.
    Und Du hast also schon seit 90 Tagen keine Post mehr von zu Hause? Am Samstag


    Lege auch die Bilder bei,

    hatte es immer vergessen


    habe ich Huber noch getroffen. Was ich weiß, ist bei Euch zu Hause alles noch in Ordnung.
    Nun lieber Alfons, möchtest Du gerne wissen, wie ich über das komische Verhalten mir gegenüber und das seltene Zusammensein denke. Ja, lieber Alfons, das will ich Dir ehrlich sagen, das hat mir sehr weh getan. Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht und habe mich gefragt, was hast Du ihm eigentlich getan? Konnte allerdings nie einen Grund finden. Dann habe ich mir alles aus dem Kopf geschlagen und mir gesagt, er ist noch jung und  muß sich erst einmal richtig austoben, nachher wird er wohl von selbst zurückkommen. Und das ist dann auch in Erfüllung gegangen. Du bist gekommen, hast Dich von mir verabschiedet. Mein einzigster Wunsch war auch der, Dich noch einmal vor Deinem Fortgang zu sehen. So, nun habe ich Dir wohl alles klar und deutlich geschrieben.
    Bild von Agnes an Alfons
    Widmung auf der Rückseite:
    "Zur steten Erinnerung von Deiner Agnes"


    Warte nun auf baldige Antwort und verbleibe so mit den besten Grüßen Deine Dich liebende Agnes. Viele liebe Grüße von meinen Eltern u. Paula





    Sonntag, 2. Oktober 2016

    Kapitel 2 - Erster Brief und Kriegsgeschehen

    Nun kommen wir zum ersten Brief von Agnes

    Meine Lieben,

    Ich werde Euch den Brief abschreiben - für diejenigen unter Euch, die diese alte Handschrift schwer entschlüsseln können. Aber versucht es zunächst einmal selbst. Anschließend werde ich noch ein paar Kriegsgeschehnisse zum Datum des Briefes nennen.

    Verl, den 15.10.44

    Mein lieber Alfons!

    Recht herzliche Sonntagsgrüße aus der lieben Heimat sendet Dir Deine Agnes. Nachdem ich nun vergeblich auf Post von Dir gewartet hatte, unterbrach ein Brief, von Deiner lieben Hand geschrieben, das lange Schweigen. Deine lieben Zeilen erreichten mich heute, am Sonntag und waren somit meine größte und schönste Sonntagsfreude. Ich will nun nicht lange säumen, Deinen lieben Brief zu beantworten und mich gleichzeitig für denselben zu bedanken. Wie aus Deinen Zeilen ersichtlich ist, geht es Dir soweit noch gut. Bei mir ist auch alles wieder in bester Ordnung. Meine Beine sind wieder gesund. Herr Dr. Borgmann hatte mir schon ein Angst ein-



    gejagt, dass ich am liebsten verzweifelt hätte. Unter Umständen könnte man mir das Bein abnehmen und derartige Sachen hat der mir da erzählt. Dann bin ich bei Herrn Dr. Jaspers in Behandlung gewesen. Der hat mich ausgelacht, als ich ihm das sagte. Natürlich bin ich jetzt froh, da alles gut gegangen hat.

    Lieber Alfons, Du schriebst in Deinem Brief, ich könnte jetzt wohl Ersatz bekommen. Dann müßte ich aber lange suchen, ehe ich einen fände, der Dich ersetzen könnte. Ich glaube ja, daß Du mir so viel Vertrauen schenkst und nicht an so etwas denkst. Wenn man Dir vielleicht auch auf unwahren Wegen irgend etwas unterbreitet hat. Ich hoffe doch, daß Du ich mittlerweile kennst. Und der eine Grundsatz steht für mich fest, Dich oder keinen.
    Ich habe es Dir ja schon immer gesagt, daß ich Dich gern hab. Aber erst jetzt kommt mir so recht zum Bewußtsein, was Du mir warst.

    Am vergangenen Sonntag war ich im Kino, "Ein schöner Tag" wurde gegeben, war sehr schön. Aber so eine Fülle hab' ich noch nie gesehen. Ich war wohl von den gleichen Gedanken umworben als Du, wie Du dort im Kino gesessen hast. Es war doch zu schön, wenn wir zusammen waren. Nun lieber Alfons erwähnst Du in Deinem Brief wieder jenes häßliche Wort, das ich an einem Abend zu Dir gesagt habe. Sag mal, kannst Du das nicht vergessen? Es war bestimmt nicht meine Absicht, Dich so damit zu kränken. Ich habe das im Scherz gemeint und Du faßt das als eine Beleidigung auf. Ich kann mir garnicht vorstellen, wie man sich über so eine Kleinigkeit


    aufregen kann. Ich möchte Dich nun, da wir so weit voneinander sind, um eines bitten, verzeih mir bitte dieses Vergehen, und sei wieder mein lieber guter Alfons.

    Wie Du schreibst, ist Deine Ausbildungszeit ja bald zu Ende und Du kommst dann zum Einsatz. Sei mir unbesorgt, das treue Gebet Deiner lieben Mutter begleitet Dich auf allen Wegen. Ich sehe sie immer des Sonntags, wie sie so andächtig zu hl. Kommunion geht. Alles aus Liebe zu Dir. Du kannst nur froh sein, daß Du eine so gute Mutter hast. Vergiß nicht, auch in de Fremde, für sie zu beten. Auch ich schließe Dich in jedes Morgen- und Abendgebet mit ein. So kannst Du versichert sein, daß der hl. Gott Dich auch in dieser schweren Zeit beschützt.

    In der vergangenen Woche waren

    die Flieger so furchtbar am Werk. In Bielefeld haben sie fürchterlich gehaust. Auch in der letzten Nacht waren sie mit großen Verbänden hier. Zwei deutsche Jäger sind abgestürzt. Hoffentlich lassen sie uns hier in Ruhe und Frieden. Meine Schwester schrieb, ich sollte kommen. Aber ich habe zu viel Angst vor Fliegerbeschuß auf der Fahrt. Nun habe ich Dir wohl alle Neuigkeiten mitgeteilt und will darum nun schließen, denn ich wollte noch eine kleines Mittagsschläfchen halten.
    Es grüßt Dich zum Schluß nochmals herzlich Deine immer an Dich denkende Agnes.
    Denk bitte mal an ein Bild.

    **********************************************

    Kriegssituation an diesem Tag


    Alfons ging es soweit gut. Er befand sich -wahrscheinlich- zu diesem Zeitpunkt auf den Weg an die Ostfront.
    • SS-Männer entführten den Sohn des ungarischen Regenten Horthy und die deutsche 24. Panzer-Divison rückte in Budapest ein. Ungarn, das bereits Mitte März von Deutschland besetzt wurde, beabsichtigte am 15. Oktober 1944 offiziell einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu schließen. Jedoch konfrontierte der deutsche Gesandte Veesenmayer Horthy mit der Drohung, seinen Sohn erschießen zu lassen. Horthy und sein Ministerpräsident, General Lakatos, traten daraufhin am nächsten Tag zurück.
    • Die Alliierten starteten einen Luftangriff auf die Sorpetalsperre: Lancaster-Bomber erzielten direkte Treffer auf die große Erd- und Betonkonstruktion mit 12.000-Pfund-Bomben. (Quelle)
    Das brennende Braunschweig
    • Am selben Tag war aber der schlimmste Angriff, der auf die Stadt Braunschweig. Der Bombenangriff durch die 5. Bombergruppe der Royal Air Force (RAF) markierte den Höhepunkt der Zerstörung der Stadt. Der Luftangriff erzeugte einen Feuersturm, nach dem Braunschweig zweieinhalb Tage ununterbrochen brannte. Er zerstörte über 90 % der mittelalterlich geprägten Innenstadt. Das Erscheinungsbild der Stadt wurde bis in die Gegenwart hinein nachhaltig verändert. (Quelle)
    • In Auschwitz wurden in der Gaskammer des Krematoriums II 3.000 nicht als Häftlinge registrierte jüdische Frauen getötet. (Quelle)


    In Kapitel 3 erfahrt Ihr etwas von Agnes romantischer Seite. 
    Es werden aber auch wieder Kriegsgeschehnisse enthalten sein. 
    Bleibt weiter gespannt!