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Sonntag, 4. Dezember 2016

Kapitel 9 - Brief Vierzehn und Kriegsgeschehnisse

Meine Lieben,

Ich werde Euch wie gewohnt den Brief von Agnes wieder abschreiben. Danach gebe ich Euch noch ein paar Einblicke aus den Kriegsgeschehen im Dezember 1944. 
Es ist der einzige Brief aus Dezember 1944. Es geht auf Weihnachten zu und die Zeit ist auch sehr stressig und ereignisreich. Ich werde Euch bis Februar 1945, wo wir wieder einen Brief von Agnes vorliegen haben, mit einer außergewöhnlichen realen Geschichte, die Wartezeit verkürzen. Ihr werdet dann auch verstehen, warum Agnes so lange nichts von Alfons gelesen hat....
Ich wünsche Euch aber jetzt schon eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest. Kommt auch gut ins Neue Jahr.

Vierzehnter Brief



Verl, den 3.12.44.

Mein lieber Alfons!

Nun ist heute schon der erste Adventssonntag. Das erste Licht am Adventskranz ist angezündet. Meine Schwester übt schon Weihnachtslieder am Klavier. Meine libe Mutter sitzt im Sofa und betet aus dem Gesangsbuch. Vater hat sich in einen Sessel gesetzt und ist mittlerweile schon eingeschlummert. 
Und ich weiß nun im Kreise meiner Lieben nichts besseres zu tun, als Dir einen lieben Gruß in die weite Ferne zu schicken. Heute morgen habe ich einen Brief, den ich gestern geschrieben hatte, abgeschickt. Ich habe so weit es mir möchlich ist, an Dich geschrieben. Hoffentlich bekommst Du auch all meine Briefe. Wenn Du meine Päckchen erhalten hast, schreib mir dich bitte sofort. Ich bin ja so gespannt, ob Du wohl etwas davon bekommst. Es wäre ja schade, um die schönen Sachen.
Heute morgen war ich wieder zur Post und noch einmal vergebens. Es (ist) sind heute vierzehn Tage, daß ich von Dir keine Post mehr bekommen habe. Das wird wahrscheinlich wohl an den unregelmäßigen Verkehr liegen. Denn ich hoffe doch, daß Du in der langen Zeit öfter geschrieben hast. Hoffentlich geht es Dir noch gut. Bei mir ist dasselbe der Fall. Nur des Sonntags ist es mir furchtbar. Immer alleine. Wie schön war es

doch wenn wir zusammen waren. Wie oft habe ich mir die schöne Zeit zurückgewünscht. Doch wird auch dieses mal geschehn. Wenn unser Herrgott Deine Schritte richtig lenkt, werden wir uns einmal wiedersehn. Denn so lange wird doch dieser fürchterliche Krieg nicht mehr dauern. Gestern war mein Bruder auch für einen Tage in Urlaub. Der ist noch immer in Herford. Er sagt, daß es dort ganz schrecklich aussehe. In der ganzen Stadt kein Haus, welches noch unbeschädigt wäre. Die Kaserne, in der er liegt, hat auch einen Volltreffer bekommen. Und zwar eine Luftmine. Zum Glück waren alle Mannschaften im Gelände gewesen. Sonst hätte es auch ein Massengrab gegeben. Hoffentlich läßt uns der Tommy hier in Ruhe und Frieden. Trotz des stürmischen und regnerischen Wetters, kommen die Flieger Tag und Nacht. Nun, lieber Alfons, will ich schnell schlafen gehen, sonst höre ich den Alarm noch. Ich wünsche Dir eine gute Nacht und grüße Dich recht herzl. als Deine Dichl. Agnes.
Einen recht lieben Gruß von meinen lb. Eltern u. Paula.


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Kriegsgeschehnisse Dezember 1944


  • 3. Dezember - Der deutsche Führer und Reichskanzler Adolf Hitler erlässt eine Verfügung über die neuen militärischen Aufgaben des Reichsarbeitsdienstes, der zukünftig einen Teil der bisher vom Ersatzheer durchgeführten militärischen Ausbildung übernehmen soll.
  • Die deutsche Wehrmacht räumt ihre Stellungen bei Venlo (Niederlande).
Die nördliche Altstadt von Heilbronn nach dem Bombenangriff.
Quelle
  • 4. Dezember - Adolf Hitler empfängt Ferenc Szálasi, der seit dem Putsch vom 15. Oktober unter deutschem Schutz Staatschef von Ungarn ist, zu einer Unterredung über Fragen der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder.
  • Bei einem Angriff der britischen Luftwaffe in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember auf Heilbronn wird die Altstadt nahezu völlig zerstört. 7147 Menschen finden den Tod.
  • Ein polnisches Sondergericht in Lublin verurteilt fünf Funktionäre des am 23. Juli befreiten Konzentrationslagers Majdanek zum Tode. Sie werden für die grausame Massenvernichtung von rund 1,5 Millionen Menschen mitverantwortlich gemacht.
  • 5. Dezember - Britische Truppen ziehen in Ravenna ein und werden von der italienischen Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt.
  • Alle deutschen Frauen über 18 Jahren werden zur aktiven Verteidigung des Deutschen Reiches aufgerufen. Die NS-Frauenführerin Gertrud Scholtz-Klink gibt dazu die Parole aus: “Hilf dir selbst, so hilft dir Gott”.
He 162 - Salamander (Bild Wikipedia)
  • 6. Dezember - Der einstrahlige Düsenjäger Heinkel “He 162”, der den Beinamen “Salamander” trägt, startet in Wien zu seinem ersten Probeflug. Die Maschine soll serienmäßig produziert werden und die alliierten Bombenangriffe stoppen. Sie kommt jedoch wegen des Treibstoffmangels vor Kriegsende nicht mehr zum Einsatz.
  • 7. Dezember - Im Deutschen Reich wird ein “Tag des deutschen Eisenbahners” abgehalten. Zu diesem Anlass wird acht Eisenbahnern das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern verliehen.
    Friedrich Paulus
    (Wikipedia)
  • 8. Dezember - Das im Vorjahr in der UdSSR gegründete “Nationalkomitee Freies Deutschland” das auf einen Sturz des NS-Regimes hinarbeitet, fordert das deutsche Volk auf, den Krieg zu beenden. Die Proklamation trägt die Unterschriften von 50 kriegsgefangenen deutschen Generälen, darunter auch der ehemalige Oberbefehlshaber der 6. deutschen Armee, Generalfeldmarschall Friedrich Paulus.
  • 9. Dezember - In Washington wird amtlich bekanntgegeben, dass die US-amerikanischen Streitkräfte seit Beginn des Krieges 13.418 Flugzeuge verloren haben.
Otto Hahn (Quelle)
  • 10. Dezember - Der neuntägige Besuch des Ministerpräsidenten der “Provisorischen Französischen Regierung”, Charles de Gaulle, beim sowjetischen Partei- und Staatschef Josef W. Stalin in Moskau endet mit der Unterzeichnung eines französisch-sowjetischen Bündnisvertrages.
  • Adolf Hitler verlegt sein Hauptquartier in den Taunus, um die Westoffensive zu planen.
  • Der Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944 wird dem deutschen Chemiker Otto Hahn für die Entdeckung der Kernspaltung zugesprochen.
  • 11. Dezember - Alliierte Bomberverbände fliegen einen schweren Angriff auf Frankfurt am Main.
  • Zum dritten Jahrestag des deutsch-italienisch-japanischen Waffenbündnisses wenden sich die Außenminister der Regierungen in Berlin, Salò und Tokio über Rundfunk an ihre Völker.
  • 12. Dezember - In Wien beginnt der dritte Kongress der “Union Nationaler Journalistenverbände”. Vertreter aus 22 Nationen debattieren drei Tage lang über allgemeine Fragen des “Weltkampfes” und über eine “Neugeburt Europas”.
  • 13. Dezember - Die deutschen Verbände ziehen sich angesichts der Angriffe alliierter Truppen aus dem Nordelsass zurück.
  • Filmplakat (Quelle)
  • Die Artillerieschlacht um die ungarische Hauptstadt Budapest erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt. Von Norden, Osten und Süden feuern sowjetische Truppen aus rund 10.000 Geschützen ununterbrochen Granaten in die deutschen Befestigungsanlagen.
  • 15. Dezember - Der britische Premierminister Winston Churchill unterstützt in einer Rede vor dem Unterhaus in London die sowjetischen Gebietsforderungen gegen Polen und dessen damit einhergehende Westverschiebung.
  • Helmut Käutners Spielfilm “Große Freiheit Nr. 7”, eine Geschichte aus dem Hamburger Hafen- und Nachtlokalmilieu mit Hans Albers als Hauptdarsteller, wird in Prag uraufgeführt, nachdem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Film für das Deutsche Reich verboten hatte. Vorführungen sind nur im Ausland einschließlich des Protektorats Böhmen und Mähren zugelassen.
  • 16. Dezember - Die Ardennenoffensive, der letzte, vergebliche Versuch der Deutschen, den Ring der Alliierten im Westen zu durchbrechen, beginnt.
  • Glenn Miller (Quelle)
  • Ein einmotoriges US-Flugzeug, in dem sich der bekannte Posaunist und Leiter der US-Luftwaffen-Big-Band, Glenn Miller, befindet, stürzt über dem Ärmelkanal ab. Der Musiker und sieben weitere Insassen kommen ums Leben.
Joachim „Jochen“ Peiper
 (Wikipedia)
  • 17. Dezember - Ein schwerer Angriff der britischen Luftwaffe auf München fordert insgesamt 562 Menschenleben.
  • Eine Kampfgruppe der 1. SS-Panzerdivision “Leibstandarte Adolf Hitler” unter Obersturmführer Jochen Peiper eröffnet bei Malmedy in Belgien das Feuer auf eine Abteilung gefangener und z.T. verwundeter US-amerikanischer Soldaten. 71 Personen werden getötet.
  • In der Wüste des US-Bundesstaates Utah beginnt eine Bombereinheit der US-Luftwaffe mit Probeflügen und Abwurfübungen für den Einsatz der in den USA entwickelten Atombombe.
  • 18. Dezember - Das deutsche Linienschiff “Schleswig-Holstein” wird im Hafen von Gotenhafen (Gdingen) von alliierten Bomben getroffen und brennt aus.
    Linienschiff Schleswig-Holstein (Quelle)
  • Adolf Hitler stiftet eine neue militärische Auszeichnung, den “Warschau-Schild”, als Kampfabzeichen für alle, die in der Zeit vom 1. August bis zum 2. Oktober an den “Kämpfen in Warschau ehrenvoll beteiligt waren”.
  • In Wien wird das “Provisorische Österreichische Nationalkomitee” gegründet, in dem die verschiedenen Widerstandsgruppen des Landes organisatorisch vereinigt werden.
Filmplakat (Quelle)
  • 19. Dezember - Aus London kommen neue Meldungen über Rudolf Heß, den ehemaligen Stellvertreter des deutschen Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler, der 1941 als selbsternannter Friedensbote nach Großbritannien geflogen war und seitdem dort interniert ist. Der Geisteszustand von Heß soll sich in letzter Zeit stark verschlechtert haben, er leidet an Neurosen und Verfolgungswahn.
  • Der unter der Regie von Heinz Rühmann gedrehte deutsche Spielfilm “Der Engel mit dem Saitenspiel” mit Hertha Feiler, Susanne von Almassy und Hans Nielsen wird in Berlin uraufgeführt.
  • 20. Dezember - Die Evaluierung eines Großteils der Bevölkerung von Trier gemäß einem Erlass vom 25. Oktober ist abgeschlossen. Von den ursprünglich rund 85.000 Einwohnern sind nur noch 3.000 in der Stadt.
  • 21. Dezember - Britische Flugzeuge bombardieren Eisenbahnanlagen in Köln und Bonn.
  • Von 13 deutschen Offizieren, die aus einem Kriegsgefangenenlager in Penkridge (Großbritannien) ausbrechen, werden zwölf noch am gleichen Tag wieder gefangengenommen. Einem der Wehrmachtsangehörigen gelingt die Flucht.
    Volksturm feiert Weihnachten (Quelle)
  • 24. Dezember - Weihnachten - Der Heilige Abend im sechsten Kriegsjahr wird in weiten Gebieten des Deutschen Reiches vom Heulen der Sirenen und in den Grenzgebieten vom Schlachtenlärm begleitet. Die noch nicht zerstörten Kirchen sind überfüllt.
  • Das US-Kriegsdepartement teilt mit, dass seit der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni bis zum Heiligen Abend 800 000 deutsche Soldaten gefangengenommen wurden.
  • 25. Dezember - Der deutsche Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt erklärt die deutsche Ardennenoffensive für gescheitert. Führer und Reichskanzler Adolf Hitler fordert jedoch, das aussichtslose Unternehmen fortzusetzen.
  • US-amerikanische Kampfflugzeuge greifen Brücken und Eisenbahnlinien im Gebiet von Koblenz und Bonn an.
  • 26. Dezember - Alliierte Luftstreitkräfte unternehmen von Frankreich aus einen Angriff auf die deutschen Treibstoffwerke in Schlesien.
    Zeitschrift "Das Reich" - (Quelle)
  • 28. Dezember - In der deutschen Wochenzeitschrift “Das Reich” nimmt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels Stellung zu den Gerüchten über die Ursachen für das Ausbleiben von öffentlichen Auftritten des deutschen Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler. Er bezeichnet Hitler nach wie vor als die größte Persönlichkeit, die derzeit Geschichte mache, und weist darauf hin, dass er auch durch den Krieg nicht “älter” geworden sei.
  • 29. Dezember - Starke US-Luftverbände greifen von Italien aus Ziele in Süddeutschland und Österreich an. Bombardiert werden vor allem Eisenbahn- und Industrieanlagen.
Martin Bormann (Wikipedia)
  • 31. Dezember - Silvester - Martin Bormann, “Sekretär des Führers”, weist darauf hin, dass alle im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten beschlagnahmten Kunstwerke bei den Sachbearbeitern von Führer und Reichskanzler Adolf Hitler anzumelden seien, da dieser in Linz ein Museum errichten wolle.
  • Die deutsche Waffen-SS zählt Ende des Jahres 1944 fast eine Million Mitglieder.


So, meine Lieben, das war es mit dem Jahr 1944.
Eine tolle Zeit Euch und bis bald.

Ach ja, die kommende Geschichte ist von Alfons niedergeschrieben... Bleibt gespannt... Es ist ein einmaliges Vermächtnis, welches ich mit Euch teile.

Sonntag, 13. November 2016

Kapitel 6 - Siebter und Achter Brief - Kriegsgeschehnisse

Meine Lieben,

Endlich hat Agnes etwas von Alfons "gehört"... 
Seht was sie in ihrem siebten Brief geschrieben hat... und spürt ihre Emotionen... Agnes, wie sie eben war!

 Verl, den 5.11.44.

Mein lieber Alfons!

Nach drei Wochen langem Warten, erhielt ich am Freitag Deinen lieben Brief vom 25.10. Ich habe mich sehr gefreut, endlich einmal wieder ein paar liebe Zeilen von Dir in Händen zu halten. Ich erwidere Deinen lieben Brief mit herzlichen Dank und den besten Sonntagsgrüßen. Wie Du schreibst, hast Du zwei meiner Briefe bekommen.
Komme nun gerade aufs der Andacht, will jetzt den angefangenen Brief vollenden. Der Herr Pater hat wieder einmal wunderbar gepredigt, im Hinblick auf das Fest "Aller Heiligen". Selbstverständlich hat er auch die Panzerliebchen erwähnt.
Lieber Alfons, Du meinst also auch für
Zivilisten wäre in Verl jetzt kein Platz mehr. O ja, die Verler Damen haben sich im allgemeinen nicht so gut bewährt, in Beziehung auf Panzerbetreuung. Die meisten haben schon die Nase voll. Ich hatte am Freitag im Cafe Dienst. Aber immer wieder mußte ich, ob ich wollte oder nicht, mit anhören, wie die Herren verschiedene Damen mannhaft mannhaft machten un über dieselben witzelten und lachten. Scheinbar marken die Mädchen das garnicht. Ich staune nur. Man kann das alles nicht so wiedergeben, was alles hier vorkommt.
Nun zur Sache. Du schreibst in Deinem Brief und erklärst alles, was mir bisher unerklärlich war. Auch fragst Du mich, ob ich die genannte Ursula nicht gesehen hätte. Ja, gesehen habe ich sie zwar, doch könnte ich sie mir nicht vorstellen.

Ja, lieber Alfons, all das versteh ich und glaube es auch gern. Aber eines kann ich nicht fassen, daß Du wirklich meinst, ich nahm Dich nicht ernst. Wäre das der Fall, hätte ich ja schon längst abschwenken können. Ich hoffe doch, daß Du mir so viel Vertrauen schenkst und mir nicht so etwas zumutest. Wenn man mir auch fälschlich alles möchliche nachsagt. Auch Duch schreibst, ich wäre oft noch Herford gefahren. Nein, lieber Alfons, das kannst Du mir ja nun nicht vorwerfen. Erstens bin ich nur ein einziges mal nach Herford gewesen und 2. lediglich nur um dort meinen Bruder um Lazarett zu besuchen. Nicht wie Du annimmst, mich dort zu amüsieren. Schließlich bin ich ja keine Abendteurin. Das Rolf Dich so gefragt hat finde ich komisch. Bin ich ihm
vielleicht so vorgekommen. Du schreibst, wenn wir zusammen gewesen wären, hätte ich oft wegwerfende Bemerkungen gemacht und geringschätzig über Dich gelacht. Also, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. So böse war das doch sicherlich nicht gemeint. Du kennst doch auch das alte Sprichwort: "Was sich liebt, das neckt sich." Und ich glaube, das ist auch bei uns so. Aber trotzdem komme ich mir wie ein schwarzes Schaf vor. Besonders jetzt, wo Du mir vorwirfst, ich hätte Deine Briefe meinen Freundinnen lesen lassen. Nein, da bleibt mir aber langsam der Verstand stehen. Dein ersten Brief, den Du mir mit den Bildern zusammen schicktest, habe ich Anneliese vorgelesen, weil Du in demselben von den Bildern schriebst. Und weiter hat keine meiner Freundinnen einen Deiner Briefe gesehen.
Das man mir eine solche Gemeinheit nachsagt, hat mich schwer getroffen. Ich weiß ganz genau, daß es Mißmacher genug in Verl gibt, die alles versuchen, mich nur schlecht zu machen und ins falsche Licht zu stellen. Auch weiß ich nur zu gut, woher dieses alles rührt.
Ich habe, als ich den Brief gelesen hatte, mich in mein Schlafzimmer gesetzt und mich ausgeweint. Dann konnte ich die Stille um mich nicht mehr ertragen, bin zu Mutter gegangen und habe ihr mein Herz ausgeschüttelt. Sie hat mir das eine gesagt: "Wer liebt, muß leiden." Mit dem Gedanken habe ich mich dann vertraut gemacht und bin wieder an  meine Arbeit gegangen. Habe mir gesagt, ja, meine Mutter hat recht. Gern will ich leiden, aber wenn man mir etwas unwahres in so einer Form nachsagt, das kann ich nicht ertragen. Wenn andre also mehr Einfluß auf Dich haben, als ich tut es mir
wirklich leid. Ich hoffe allerdings doch, daß Du mir soviel Vertrauen schenkst und mir glaubst. 
Lieber Alfons, Du schreibst, vielleicht schicktest Du mir im nächsten Brief ein Bild von Dir mit. Du wirst wohl inzwischen meinen Brief erhalten haben in dem ich Dir mitteilte, daß Deine lb. Mutter mir schon ein Bild geschenkt hat. Es ist ja ganz wunderbar geworden. Genau so natürlich wie Du bist. 
Ich hatte Dir auch geschrieben, daß der Hermann Wittkemper gefallen wäre. Das muß ich allerdings wiederrufen, denn das haben die Leute mir so erzählt. Ein Mädel hat auch einen Brief zurück bekommen, mit dem Vermerkt "Gefallen für Großdeutschland." Nun muß man erst einmal abwarten. Wäre ja furchtbar, wenn es wahr wäre.
Nun will ich endlich schließen und Dich
recht herzlich grüßen
Deine Dich liebende
Agnes
Einen schönen Gruß von meinen lb. Eltern und von Paula

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Man merkt deutlich wie es Agnes geht und dass man sie ganz schön verletzt hat. Aber sie schreibt es ehrlich nieder und so war sie einfach.

Sonst passierte an diesem Sonntag, des 5. Novembers 1944 nicht sehr viel:

  • Deutsche Truppen erobern die ostpreußische Stadt Goldap zurück, die am 22. Oktober von der Roten Armee eingenommen worden war.
Alliiertes Flugblatt ZG 75 (Vorderseite), abgeworfen über Frankfurt

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Achter Brief

 Verl, den 11.11.44.

Mein lieber Alfons!

Nach einer angeregten und mit Arbeit überfüllten Woche, sende ich Dir recht herzliche Sonntagsgrüße. Habe von Dir in Kürze drei liebe Briefe bekommen und vom 11.10., vom 27.10. und vom 31.10. Ich wußte vor Freude nicht wohin. Sage Dir auch meinen herzlichen Dank. In der vergangenen Woche, habe ich wirklich  nicht schreiben können. Wir hatten den Anstreicher im Haus. Dann war in derselben Woche Schlachttag und großes Wursten. Nun kannst Du Dir ungefähr vorstellen, wieviel Arbeit bei uns war. Und alles bleibt doch so zu sagen nur auch auf meiner Mutter und mir hängen. Und dazu muß ich noch in der Backstube helfen. Ich möchte manchmal verzweifelt. Aber dann sage ich mir immer wieder, es ist gut, daß man noch Arbeit hat, damit man besser über alles hinwegkommt. Heute nachmittag war ich zum Heimabend und anschließend zur Andacht. Bin dann schnell nach Hause gegangen, denn ich wollte Dir ja noch schreiben. Als ich

natürlich wiederkam saß der Skatklub zusammen. Da war es für mich zu unruhig. Sitze jetzt im Zimmer. Der Regen schlägt nur immer so an die Fenster. Es ist nämlich seit acht Tagen ein furchtbares Wetter. Nur Regen u. Sturm.
Lieber Alfons, Du hast doch die Anni gekannt, mit der ich mal auf Holzschuhball bei Euch zu Hause war. Deren Mutter und ihr viereinhalbjähriges Brüderchen sind heute morgen mit einem Militärlastwagen hier angekommen. Haben alles verloren, das Haus ist ausgebrannt. Was die arme Frau mitgemacht hat, kann man garnicht schildern. Sie ist seit Donnerstag abend unterwegs gewesen. Das Auto hat wohl versagt, dann sind sie wieder in einem Vorort von Wanne-Eickel einem Bombenhagel ausgesetzt gewesen. Die Frau ist mit ihren Nerven total herunter. Dazu hat sie noch ein offenes Bein. Ende dieser kommenden Woche wird sie wohl ins Krankenhaus kommen. Den kleinen Heinz behalten wir bei uns. Das ist vielleicht ein kleiner Räuber. Der bekommt noch viel Rüge ehe der mal so ist, wie er sein muß. Aber ich werd' ihn schon erziehen. Der hängt jetzt schon den ganzen Tag an mir.
Lieber Alfons, Du schreibst in Deinem Brief Du wärest gespannt, wie lange wohl der Brief mit der Freimarke unterwegs wäre. Den habe ich von all den frei anderen Briefen zu erst erhalten. Derselbe war sechs Tage unterwegs. Es ist schade, daß die Post so schlecht verkehrt. Am Freitag habe ich zwei ein-Kilo-Päckchen abgeschickt an die genannte Adresse. Eines mit Äpfeln und ein zweites mit sonstigen Sachen. Hoffentlich bekommst Du sie bald. Es täte mit leid, wenn sie nicht den Bestimmungsort erreichen.
Dann schreibst Du, daß dort so viele Partisanen sich herumtreiben. Nimm Dich nur in acht vor dieser Bande. Mein Bruder ist sehr wahrscheinlich auch von Herford weggekommen. Denn er schreibt nicht und ruft nicht an, und alle Briefe, die wir an ihn geschrieben haben, kommen zurück, mit dem Vermerk: "Zurück; Neue Anschrift abwarten." Nun bin ich mal gespannt, wo der arme Kerl steckt. Werner Diekämper ist auch verwundet. Er hatte geschrieben, es ginge ihm soweit gut, bis auf sein Bein. Was für eine Verwundung er nun hat, weiß ich auch nicht. Auch Hans Aßmussen ist zum zweiten mal verwundet. Niggenkämpers Tönne ist in Frankreich vermißt. Das wäre wohl das Neuste aus der Heimat.

Lieber Alfons, wie Du schreibst, warst Du sehr erstaunt als ich Dir von der Verhandlung des Bildes schrieb. Nun darfst Du natürlich nicht denken, ich hätte nach dem Bild gefragt. Nein, um Gottes-willen. Deine liebe Mutter hat mir dasselbe unter Beisein Deines Vaters und Bruders gegeben. Aber wer freut sich wohl mehr als ich. Ich wünsche nur das eine, daß Du bald zu mir zurück kommst. Wenn ich allerdings mal etwas länger als gewöhnlich auf Post warten muß, so sehe ich nur das schöne Bild an und gehe dann mit dem Gedanken schlafen: "Einmal wirst Du wieder bei mir sein, einmal wird es ganz gewiß Dir klar, daß ich doch die Allerbeste war.
Nun ist's schon fast 11 Uhr und es wird Zeit für mich, daß ich schlafen gehe. Wünsche Dir eine recht gute Nacht. Es grüßt und küßt Dich
Deine Agnes
Viele liebe Grüße auch von meinen lieben Eltern und von Paula.
Gute Nacht.

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Eddi Slovik
Und nun noch die ein paar Ereignisse vom 11. November:
  • Der US-Soldat Eddi Slovik wird von einem Kriegsgericht wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und am 31. Januar 1945 erschossen. Er ist der einzige von 40 000 US-Deserteuren, der wegen dieses Vergehens hingerichtet wird.
  • In Bern stellt der Ingenieur Karl Zanini eine Baumaschine vor, die nach seinen Angaben Bombardierungsschutt in vollwertiges Baumaterial umwandeln kann. (Quelle)
Bergwerk Alpeiner Scharte

Polizeibericht des Gendarmeriepostens Steinach am Brenner vom 11.11.1944 an die Staatsanwaltschaft Innsbruck. Eine Staublawine forderte 22 Tote, die meisten unter Ihnen waren russische Zwangsarbeiter, aber auch Italiener, Österreicher und Deutsche. (mehr dazu erfahrt Ihr hier - ist gleichzeitig die Quellenangabe)




In Verl bei Agnes war Einiges los. Anders als im Krieg - dort war es "relativ" ruhig. Seht in den nächsten zwei Briefen, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war.